THINKING TIME – Zu den zentralen Aufgaben von Unternehmern und Führungskräften gehört es, sich regelmäßig Zeit dafür zu nehmen, die richtigen Fragen zu stellen. Thinking Time ist ein Erfolgskonzept, für das es nicht viel braucht: einen ruhigen Platz, einen Stift, einen Notizblock.

Bruneck – Der Maileingang ist ständig überfüllt, die Liste der abzuarbeitenden Aufgaben wird trotz großer Anstrengungen niemals kürzer, unsere Produkt- und Serviceangebote müssen den sich ändernden Anforderungen unserer Kunden und potentiellen Käufer angepasst werden, neue Informationen wollen gelesen werden… Wir geben uns alle Mühe und trotzdem läuft im Unternehmen nicht alles rund.

Die Herausforderungen für Unternehmer waren noch nie so mannigfaltig. Wer da nicht strukturiert vorgeht, läuft Gefahr, im Dschungel der Herausforderungen die falschen Entscheidungen zu treffen, den richtigen Moment für wichtige Weichenstellungen zu verpassen, die richtigen Dinge nicht zu tun.

Die erfolgreichsten Manager setzen auf das „Thinking Time“-Konzept (zu Deutsch: Zeit zum Nachdenken). Sie nehmen sich regelmäßig Zeit, um sich die richtigen Fragen zu stellen und minimieren damit das Risiko von Fehlentscheidungen bzw. das Risiko, die falschen Dinge zu tun.

 

Thinking Time: ein wiederkehrendes Ritual

Thinking Time ist ein Prozess, der in Form eines wiederkehrenden Rituals in den Arbeitsalltag von Führungskräften und Unternehmern integriert wird, mit dem Ziel, Risiken zu minimieren, die besten Chancen fürs Unternehmen zu entdecken und die bestmöglichen Ergebnisse in jeder Situation zu erreichen.

Dieser Step-by-Step-Prozess kann individuell angepasst werden, sollte jedoch im Wesentlichen nach bestimmten Prinzipien ablaufen. Zu Beginn ist empfehlenswert, den hier vorgeschlagenen Ablauf strikt umzusetzen. Im Laufe der Zeit kann er dann individuell optimiert werden. Als Vorbereitung braucht es einen ruhigen Thinking Time- Platz, einen Thinking Time-Stift und ein Thinking Time-Notizbuch, also Hilfsmittel, die nur für diese Denkarbeit verwendet werden. Ein gutes Thinking Time-Ergebnis steht und fällt mit der guten Vorbereitung, sprich mit der ersten guten Frage, die wir uns im Prozess stellen. Diese guten Fragen sammeln wir als Vorbereitung für die Thinking Time-Session. Beispiele für gute Thinking Time-Fragen sind in der beistehenden Infobox aufgelistet.

Und so sieht der Ablauf einer Thinking Time-Session im Konkreten aus:

  1. Reservieren Sie sich in ihrem Kalender 60 Minuten Thinking Time. Das bedeutet dann ca. 45 Minuten Denkarbeit und noch ausreichend Zeit zur Analyse und
    Auswertung der Ideen und Überlegungen, die entstanden sind. Für die meisten Fragen reicht eine Thinking Time-Session von einer Stunde nicht aus. Erfahrungsgemäß lässt aber die Konzentration bei den meisten nach ca. 40 Minuten sehr nach. Daher ist es nicht unbedingt produktiv, längere Sessions einzuplanen. Eine Frage kann auch in der nächsten Thinking Time-Session weiterverfolgt werden.
  1. Starten Sie mit ihrer ersten Thinking Time-Frage. Gute Thinking Time-Fragen sind jene, die uns zwingen, über eine Gefahr, eine Sorge oder eine Chance im Unternehmen nachzudenken. Sie sind Fragen, die über den operativen Alltag hinausgehen und strategisch unser Agieren, Handeln und unsere Ausrichtung hinterfragen. Es reichen drei bis fünf Fragen rund um ein Anliegen, es können aber auch viele mehr sein. Tatsächlich befassen Sie sich dann aber vielleicht nur mit einer Frage und den entsprechenden Schlussfolgerungen in einer Thinking Time-Session.
  2. Schließen Sie die Tür, leiten Sie Ihr Telefon um oder schalten Sie Ihr Mobiltelefon aus. Eliminieren Sie alle Ablenkungen (visuell und auditiv), und richten Sie sich weder Richtung Fenster noch Richtung Computer aus. Die vorbereiteten Fragen, der Stift und ein Notizblock liegen bereit (besser als ein Tablet, weil ein weißes Blatt viel weniger Ablenkungspotential birgt, auch wenn das heutzutage unzeitgemäß erscheint).
  3. Kurz bevor es los geht, kümmern Sie sich noch um ihre körperlichen Bedürfnisse: ein Glas Wasser? Toilette? Der Körper hat nämlich die Angewohnheit, uns immer wieder aus dem Denkprozess zu reißen.
  4. Setzen Sie einen Timer für das Ende ihrer Denkarbeit (40-45 Minuten), damit Sie nicht ständig auf die Uhr sehen. Setzen Sie sich dann möglichst ruhig hin, bis sie emotionslos die Antworten auf die erste Frage suchen können. Meistens beschleunigt der Blick Richtung Boden den Denkprozess.
  5. Mit dem Stift halten Sie ihre Ideen, Überlegungen, wichtigen Erkenntnisse für die Auswertung am Ende der Session fest. Es handelt sich hier um einen kreativen Prozess, in dem alle Ideen und Überlegungen ungefiltert und ohne Wertung entstehen dürfen. Wenn die Gedanken grad nicht fließen, dann einfach innehalten und abwarten. Die besten Überlegungen entstehen meistens im dritten Drittel der Thinking Time. Fragen Sie einfach: Was könnte noch zu dem Thema passen? Wie würde mein Wettbewerber das Problem lösen? Wenn ich aus dem Unternehmen rausfliegen würde und eine neue Geschäftsführung käme, was würde diese als erstes tun? Wichtig: Sie suchen nach Ideen und Möglichkeiten, nicht nach perfekten Lösungen.
  6. Der Timer klingelt, und Sie beginnen, die Inhalte, Ideen und Überlegungen ihrer Notizen miteinander zu verbinden und die besten Ergebnisse und Erkenntnisse festzuhalten. Diese sind dann der Ausgangspunkt für Ihre nächste Thinking Time-Session, oder sie bedürfen anderer Follow-up-Aktivitäten. Beides sollte direkt zu diesem Zeitpunkt eingeplant werden. Dies ist der wichtige Abschluss der Thinking Time, denn sonst bleiben die Überlegungen auf einer To-do-Liste für „irgendwann einmal“ und werden nie umgesetzt.

Erfahrungsgemäß sind ein bis drei Sessions pro Woche optimal. Je mehr Sessions im Monat, desto profitabler wird es für das Unternehmen: ein relativ hoher Return on Investment für die Maximierung ihrer gewünschten Ergebnisse. Und, wann planen Sie Ihre erste Thinking Time konkret im Kalender ein?

 

Thinking Time Fragen:

  • Wo läuft mein Business heute noch nicht so, wie ich möchte?
  • Was ist der Gap (die Differenz/die Abweichung) zwischen Ist und Soll?
  • Der Gap steht nur für die identifizierten Symptome, die uns sagen, dass etwas nicht so läuft, wie wir wollen. Was ist aber das eigentliche Problem?
  • Welche sind die drei Hauptprobleme meines Marktes?
  • Wer ist mein Zielkunde? (Diese Frage kann man sich nicht oft genug stellen)
  • Was wollen unsere Kunden, und woher weiß ich, dass das die richtige Antwort ist?
  • Was bieten wir unseren Kunden? Was ist unser Versprechen?
  • Wie kommunizieren wir unser Verspechen an unsere Zielkunden?
  • Welche Lösungen müssen wir entwickeln, um Kundenbedürfnisse zu erfüllen und um besser zu sein als die Konkurrenz?
  • Wo sind die Schwächen meiner Konkurrenten? Wo finde ich die Kunden, die unzufrieden sind mit den Produkten und Lösungen meiner Wettbewerber?
  • Wo müssen sich unsere Struktur, unsere Kultur, unser Team, unser Recruiting, unser Training, unsere Gehaltsstruktur, unsere Abläufe etc. ändern, um unseren Kunden zu liefern, was wir versprechen?
  • Wenn ich an die Ziele und Ergebnisse denke, die wir uns für dieses Jahr/Quartal gesetzt haben, wo brauche ich mehr Klarheit darüber, wo wir stehen/starten? Wo brauche ich einen genaueren Plan, wie wir die Ziele erreichen?
  • Wo kümmere ich mich zu sehr um Themen und Inhalte in meiner Komfortzone? Um welche Themen außerhalb der Komfortzone müsste ich mich viel mehr kümmern?
  • Welche Fehler und/oder Probleme tauchen immer wieder auf?

Veröffentlicht in der SWZ-Ausgabe vom 25. Jänner 2019
https://swz.it/zeit-zum-denken/